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Abmahnung 24. Juli 2026 · Lesezeit 6 Minuten

Streit eskaliert: Fender verklagt Thomann wegen Stratocaster-Korpus – Wer besitzt die Rechte am ikonischen Gitarrenkorpus?

Gitarren sind nicht nur Instrumente, sondern oft auch Designikonen – und ikonisches Design ist in der Regel geschützt. Der aktuelle Patentstreit zwischen Fender Musical Instruments Corporation und dem deutschen Musikhändler Thomann unterstreicht diese Tatsache aufs Deutlichste.

Die Klage, die Fender kürzlich eingereicht hat, dreht sich um den Korpus der legendären Fender Stratocaster und wirft grundsätzliche Fragen zum Designschutz in der Musikinstrumentenbranche auf. Doch welche Rechte sind hier überhaupt tangiert – und welche Konsequenzen könnte das Urteil für andere Hersteller und Händler haben?

In diesem Blogbeitrag analysieren wir die patentrechtlichen Hintergründe, beleuchten die wirtschaftlichen und rechtlichen Dimensionen des Konflikts und geben Handlungsempfehlungen für Unternehmen, die mit Nachbauten oder ähnlichen Designs operieren.

1. Die Fender Stratocaster: Ein Design-Klassiker mit immensen Schutzrechten?

Die Fender Stratocaster, erstmals 1954 vorgestellt, gilt als eine der einflussreichsten E-Gitarren aller Zeiten. Ihr charakteristisches Design mit doppeltem Cutaway, geschwungenen Konturen und der typischen Holzmaserung ist weltbekannt. Doch hinter dem ikonischen Look steckt ein detailliertes Schutzrechtssystem, das nicht nur Markenrechte (z. B. das Wort- und Bildzeichen „Fender“ und „Stratocaster“), sondern auch Designrechte umfasst.

Welche Schutzrechte könnten betroffen sein?

SchutzrechtRelevanz im Fall Fender vs. ThomannRechtliche Grundlage
Design-Patente (USA)Fender könnte ein registriertes Design-Patent auf die Kontur und Form des Korpus besitzen. In den USA schützen Design Patents (z. B. US Design Patent Dxxx/xxx) das ornamentale Erscheinungsbild eines Produkts.35 U.S. Code § 171
Geschmacksmuster (EU)In der EU könnte der Korpus als Gemeinschaftsgeschmacksmuster eingetragen sein, sofern die Form neu und eigenartig ist.Verordnung (EG) Nr. 6/2002
Urheberrecht (begrenzt)In der EU ist der urheberrechtliche Schutz für Gebrauchsgegenstände wie Gitarren eingeschränkt, aber möglich.§ 2 UrhG (Deutschland) / Art. 1 Abs. 3 UrhG (EU)
MarkenrechtDie Form selbst ist keine Marke, aber das Gesamtbild der Stratocaster könnte als 3D-Marke geschützt sein.§ 3 MarkenG / Richtlinie 2015/2436/EU

Praktische Relevanz

Thomann vertreibt unter dem Label Harley Benton eine Reihe von Stratocaster-ähnlichen Gitarren, die zu deutlich niedrigeren Preisen angeboten werden. Fender argumentiert nun, dass diese Modelle den geschützten Korpus von Fender nachahmen und damit bestehende Designrechte verletzen.

2. Warum klagt Fender gegen Thomann? Die Vorwürfe im Detail

Laut dem ursprünglichen Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) geht es um den korporellen Aufbau der Stratocaster, insbesondere um die spezifische Formgebung des Korpus. Fender wirft Thomann vor, mit Gitarrenmodellen wie der Harley Benton ST-20 Standard eine unzulässige Nachahmung vorgenommen zu haben, die gegen Design- und Urheberrechte verstößt.

Mögliche Verletzungstatbestände:

  1. Designverletzung Fender könnte ein registriertes Design besitzen, das die Konturen, Proportionen und typischen Aussparungen der Stratocaster umfasst. Wenn Thomanns Modelle diese Merkmale überzeugend kopieren, könnte dies eine Designverletzung darstellen.
  2. Ästhetische Nachahmung (Slave Clause in den USA) In den USA könnte Fender sich auf die „Slave Clause“ berufen, wonach eine Nachahmung eines geschützten Designs verboten ist, auch wenn keine direkten Patente verletzt werden.
  3. Unlauterer Wettbewerb (falls Nachahmung irreführend ist) Thomann wirbt mit Nachbauten, die den Originalen ähneln. Falls Verbraucher getäuscht werden könnten (z. B. durch ähnliche Produktbezeichnungen oder Marketing), könnte dies als unlauterer Wettbewerb (§ 4 Nr. 3 UWG in DE / § 125 Trade Act in den USA) gewertet werden.

→ Fender argumentiert vermutlich, dass Thomann durch die günstigeren Nachbauten nicht nur Designrechte verletzt, sondern auch den Markenwert von Fender untergräbt.

3. Juristische Einordnung: Wie wird ein Gitarrenkorpus geschützt?

A) Designschutz in den USA vs. EU – zwei unterschiedliche Systeme

LandSchutzsystemSchutzumfangDauer
USADesign Patent (z. B. US Design Patent D241,089 für Stratocaster-Korpus**)Schützt Ornamente und Formen15 Jahre
EUGemeinschaftsgeschmacksmusterSchützt das Erscheinungsbild, muss neu und eigenartig seinBis zu 25 Jahre
DeutschlandEingetragenes DesignSchützt Konturen, Farben, MaterialienBis zu 25 Jahre

Beispiel: Fender könnte ein US-Design-Patent auf den Korpus der Stratocaster besitzen (z. B. ähnlich wie das bereits bekannte Patent für die Gibson Les Paul). Wenn Thomann ein Modell vertreibt, das diese Konturen übernimmt, könnte dies eine Verletzung des Design-Patents darstellen.

B) Urheberrechtsschutz für Gitarren?

Gitarren sind Gebrauchsgegenstände, und in der EU ist der urheberrechtliche Schutz eingeschränkt:

  • § 2 UrhG (DE) schützt nur Werke mit künstlerischem Gehalt – eine Gitarre allein reicht in der Regel nicht aus.
  • Ausnahme: Falls der Korpus als „angewandte Kunst“ mit ästhetischem Eigenwert gilt, könnte Schutz bestehen.

→ In der Praxis wird der Streit wohl vor allem auf Design- und Markenrechtsebene ausgetragen.

4. Vergleichbare Fälle: Wer hat in der Musikbranche schon verloren?

Der Konflikt zwischen Fender und Thomann ist nicht neu – ähnliche Auseinandersetzungen gab es bereits in der Vergangenheit:

FallParteienAusgangLehre für die Branche
Gibson vs. Dean Guitars (2009)Gibson klagte wegen Verletzung des Les Paul-DesignsGibson gewann – Dean musste Modelle vom Markt nehmenDesignrechte können hart durchgesetzt werden
Fender vs. Sire Guitars (2019)Fender ging gegen günstige Stratocaster-Nachbauten vorVergleich: Sire passte Design leicht anSelbst günstige Nachbauten können teuer werden
Harley-Davidson vs. chinesische MotorradherstellerHarley klagte gegen Nachbauten in ChinaErfolgreiche Durchsetzung von DesignrechtenSchutzrechte gelten auch international

→ Der aktuelle Fall zeigt: Selbst deutsche Händler sind nicht vor Patentklagen aus den USA gefeit, wenn sie internationale Designrechte verletzen.

5. Mögliche Konsequenzen für den Markt – und was Unternehmen jetzt tun sollten

A) Auswirkungen auf Thomann und andere Händler

Risiko für Thomann:

  • Falls Fender gewinnt, könnte Thomann Nachbauforderungen stoppen oder zu Lizenzzahlungen verpflichtet werden.
  • Imageschaden durch öffentlichkeitswirksamen Rechtsstreit.

Mögliche Vorteile für Fender:

  • Stärkung der Markenhoheit über das Stratocaster-Design.
  • Präzedenzfall für andere Hersteller (z. B. Gibson, PRS, Ibanez).

B) Handlungsempfehlungen für Unternehmen in der Musikbranche

Design-Recherche vor Produktentwicklung

Vor Markteinführung eines Nachbaumodells muss eine Design-Freiheit geprüft werden. Tools wie USPTO (USA) / DPMA (DE) / EUIPO (EU) durchsuchen.

Designschutz selbst aktiv managen

Eigene Designs als Geschmacksmuster (EU) oder Design Patent (USA) anmelden. Beispiel: Wenn Thomann die Stratocaster-Konturen leicht abwandelt, könnte Fender eine Designverletzung prüfen.

Lizenzverhandlungen prüfen

Statt Klage könnte Thomann eine Lizenzvereinbarung mit Fender aushandeln – ähnlich wie bei Gibson und Epiphone.

Marketingstrategie anpassen

Klare Abgrenzung zu Originalmodellen in Werbung und Produktbeschreibungen.

6. Ausblick: Wie könnte der Streit ausgehen?

Der Fall Fender vs. Thomann könnte in mehreren Szenarien enden:

  1. Vergleich: Thomann ändert das Design leicht oder zahlt Lizenzgebühren (häufigster Ausgang).
  2. Teilsieg für beide Seiten: Bestimmte Modelle werden verboten, andere dürfen weiter verkauft werden.
  3. Urteil zugunsten Fenders: Thomann muss alle betroffenen Modelle vom Markt nehmen und Schadensersatz zahlen.

Wirtschaftliche Perspektive: Falls Fender gewinnt, könnte dies zu höheren Preisen für Stratocaster-Nachbauten führen – zum Vorteil der Originalhersteller.

Fazit

Warum dieser Fall für alle Designer und Händler wichtig ist

Der Streit um den Stratocaster-Korpus zeigt einmal mehr, wie komplex der Schutz von Designrechten in der Musikbranche ist. Während große Hersteller wie Fender ihre Rechte aggressiv verteidigen, müssen Händler und Nachbauer rechtliche Risiken minimieren, indem sie:

  • Design-Recherchen durchführen,
  • Lizenzen prüfen, und
  • klare rechtliche Grenzen beachten.

Für Unternehmen, die mit Nachbauten oder ähnlichen Designs arbeiten, gilt: Vor dem Produktlaunch steht die IP-Prüfung. Ein teurer Rechtsstreit kann sonst schnell die Ersparnis günstigerer Produktion zunichtemachen.

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